Eine Initiative der
DTS_Logo_CB_3c_n.png
 

Durchführung von Interviews

Kein diagnostisches Gespräch gleicht dem anderen. Auch wenn es inhaltlich um die gleichen mathematischen Aspekte geht, ist der Verlauf des Interviews in hohem Maße von den Denkweisen, den mathematischen Kompetenzen, aber auch dem Charakter des Kindes abhängig. Entsprechend ist der Interviewer gefordert, möglichst angemessen und sensibel darauf zu reagieren.

Diese Seite gibt Anregungen, wie man in solchen relativ typischen Interviewsituationen reagieren kann.

1. Leitprinzipien diagnostischer Gespräche

Bei diagnostischen Gesprächen geht es nicht darum, die Kinder durch geschicktes Fragen möglichst schnell zur richtigen Lösung zu führen. Die Hauptintention besteht viel mehr darin, mehr darüber zu erfahren, wie Kinder denken (Selter & Spiegel, 1997, S. 101).

1.1. Angenehme Gesprächsatmosphäre

Grundsätzlich sollte man in jedem Interview zunächst versuchen, eine angenehme Gesprächsatmospähre herzustellen

(Selter & Spiegel, 1997, S. 102)

Scheinbar belanglose Themen, die sich spontan ergeben können, tragen wesentlich zur Entkrampfung der Situation bei. Auch wenn man es den Kindern nicht anmerkt, in der Regel sind sie allein durch die Anwesenheit einer Kamera bereits aufgeregter als sonst.

Zur Schaffung einer angenehmen Atmospäre ist es zudem sinnvoll, den Rahmen zu klären: "Es ist nicht schlimm, wenn du etwas Falsches sagst. Ich möchte von dir lernen, wie du rechnest."

Eigenaktivität

Welche Themen zur Auflockerung für die Eingangsphase eines Interviews fallen Ihnen ein? Machen Sie sich ein paar Stichpunkte, welche Impulse man bei welchen Themen geben könnte.

Betrachten Sie das Video von Felix und verfolgen Sie die Kommunikation:

Felix

Nach dem gemeinsamen Gesprächseinstieg gilt es, behutsam auf die fachlichen Inhalte des Interviews zu kommen. In der Fortsetzung des vorangegangenen Videos findet nun diese Überleitung statt.

Eigenaktivität

Es wird um die Aufgabe 224:4= gehen. Machen Sie sich zunächst selbst ein paar Gedanken, wie Sie in dieses Thema überleiten würden.

Betrachten Sie das nächste Video und vergleichen Sie das Interviewerverhalten mit Ihren eigenen Überlegungen.

Felix

1.2. Das Unbewusste bewusst machen

Ziel des Interviews ist es, möglichst viel über das Denken des Kindes zu erfahren. Dabei ist zu beachten, dass Kinder in der Regel von selbst nicht immer alles äußern, was sie wissen.

Um mehr über das Denken des Kindes zu erfahren, ist es notwendig:

  • nachzufragen, wie das Kind vorgegangen ist und
  • weiterzufragen, um dem Kind zu ermöglichen, mehr über sein Wissen preiszugeben.

Das Unbewusste bewusst zu machen, erfordert seitens der Interviewerin oder des Interviewers ein hohes Maß an Sensibilität. Sie oder er muss entscheiden, wann es sinnvoll ist einzugreifen und nachzufragen.

Zugleich muss dabei berücksichtigt werden, dass das Hinterfragen jeder Äußerung und Handlung des Kindes dazu führen kann, dass es verunsichert wird oder sich unwohl fühlt.

Die folgenden Interviewausschnitte illustrieren beispielhaft das behutsame Nachfragen des Interviewers.

Dem Zweitklässler Alex wurden vor der Behandlung der Multiplikation im Mathematikunterricht einige Multiplikationsaufgaben gestellt, mit dem Ziel, seine Vorkenntnisse zur Multiplikation zu erheben.

Im Interview ergibt sich folgende Situation:


(Hengartner & Röthlisberger 1999)

I.: Kannst du mir sagen, wie viele Riegel es insgesamt sind?
A.: 12.

Alex hat die Anzahl der Riegel korrekt ermittelt. Hinsichtlich der Vorgehensweise beim Lösen und des Wissens des Kindes über die Multiplikation erfährt man nichts. Ziel diagnostischer Gespräche ist es, Denkwege der Kinder aufzuspüren. Daher fragt die Interviewerin nach der Vorgehensweise:

I.: Wie hast du das denn so schnell herausgefunden?
A.: Ich hab gesehen, das sind immer drei. Also 3, 6, 9, 12.
I.: Und wie würdest du das aufschreiben?
A. (schreibt untereinander 3, 6, 9, 12)
I.: Gestern sagte ein Kind man könnte auch „mal" rechnen. Was meinst du?
A.: Nee, weiß ich nicht. Ich kenne nur plus und minus.

Durch die geschickten Fragen der Interviewerin kann Alex zeigen,

  • wie er gerechnet hat,
  • wie er seinen Rechenweg notiert,
  • und ob er diesen mit der Multiplikation verknüpfen kann.

1.3. Herausforderung statt Belehrung

Aufgabe des Interviewers ist es, möglichst herausfordernde Fragen zu stellen. Gute Fragen zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Kind anregen, viel und offen über seine Gedanken zu sprechen.

Die Fragen sollten zugleich so gestellt sein, dass dem Kind die Lösungen und Entdeckungen nicht vorweggenommen werden. Es geht nicht darum das Kind zu belehren oder ihm etwas in den Mund zu legen, sondern vielmehr darum, seine Entdeckungen und Überlegungen nachvollziehen zu können.

Im folgenden Beispiel mit der Zweitklässlerin Annika ist dies der Interviewerin nicht gelungen:


(Hengartner & Röthlisberger 1999)

I: So dann guck dir mal diese Aufgabe an. (Legt nächste Aufgabe auf den Tisch) Lies dir erst einmal durch was da steht.
A: 5 Kinder... Für jedes Kind... Mhhh....Also 5 Kinder... Dann kriegt jedes Kind eins... Also von den 4 Packungen und dann hat jedes Kind 4... Wie soll ich das da jetzt hinschreiben? Als Malaufgabe?....4 mal 5?
I: Ja eine Malaufgabe ist ja jetzt blöd...Du hast ja die ganzen Kaugummis an 5 Kinder aufgeteilt... also passt 20:5... Kann das sein?
A: Geteilt ist ja wievielmal passt die 4 in die 5... Also 5 geteilt durch 4 ist 1.
I: Überleg nochmal, wie viele Kaugummis hast du?
A: 20.
I: Und wie viele Kinder hast du?
A: 5... Also 20:5=4.

Als Strategie zur Lösung der Aufgabe nutzt Annika den Rückgriff auf die Multiplikation. Bis zum Zeitpunkt des Interviews wurde die Division im Mathematikunterricht noch nicht thematisiert. Die Interviewerin erkennt Annikas Strategie nicht und verfolgt das Ziel, Annika dazu zu bringen, die Aufgabe mit Hilfe einer Division zu lösen.

Die Interviewerin legt ihr den Lösungsweg mehr oder weniger kleinschrittig in den Mund. Ob Annika die Überlegung verstanden hat, ist jedoch fraglich.

In der Reflektion der Interviewsituation wird deutlich, dass die Frage der Intervierin: "also passt 20:5... Kann das sein?" zu keinen neuen Erkenntnissen hinsichtlich Annikas Vorwissen führt.

Um mehr über Annikas Wissen zu erfahren, hätte man sie darum bitten können, die Aufgabe einmal anders zu lösen. Eine weitere Möglichkeit wäre die Frage zu stellen, ob die Aufgabe 20:5 auch zu der Aufgabe passt.

1.4. Vorsagen nützt nichts

Häufig fühlt man sich als Interviewer gezwungen dem Kind Tipps zu geben, um es auf den richtigen Weg zu bringen.

Im folgenden Video rechnen Elena und Lukas die gleiche Aufgabe. In Elenas Fall gibt der Interviewer mehrere Hilfestellungen und Elena kommt am Ende zum richtigen Ergebnis. Lukas dagegen bekommt keine "Hilfe", obwohl sich in seine Rechnung ein Fehler eingeschlichen hat.

Eigenaktivität

Betrachten Sie das Video von Elena und Lukas (4. Klasse) und stoppen Sie ggf. an entscheidenden Stellen.

Nutzt Elena die Hilfestellungen des Interviewers?

  • Wenn ja: Wie nutzt sie diese?
  • Wenn nein: Wie (miss)versteht sie die Hilfen?

Wie unterscheidet sich das Vorgehen des Interviewers im Gespräch mit Lukas?

Elena und Lukas

2. Typische Interviewsituationen

Der Umgang mit Schweigen oder mit Fehlern auf Seiten der Kinder ist nicht immer einfach. Nachfolgend geben wir Einblicke in zwei typische Interviewsituationen.

2.1. Der Umgang mit Schweigen

Wenn Erwachsene den Kindern die Möglichkeit geben wollen, ihre Kompetenzen zu demonstrieren, müssen sie ihnen Raum dafür geben. Wenn ein Kind schweigt, hat das unterschiedliche Ursachen:

  • Das Kind ist mit seinen Überlegungen zu keinem Ergebnis gekommen, möchte dies aber nicht offen zugeben.
  • Es hat noch keinen Lösungsweg gefunden und wartet auf eine gute Idee.
  • Das Kind hat eine Lösung, ist sich aber unsicher, ob diese richtig ist. Sicherheitshalber schweigt es.
  • Es denkt noch über die Aufgabe/den Lösungsweg nach (vgl. Selter & Spiegel 1997, S. 103).

Erfahrungsgemäß sind die Kinder noch mit dem Lösungsweg beschäftigt, so dass sich der Interviewer erstmal zurückhalten sollte.

Eigenaktivität

Überlegen Sie sich für das nachfolgende Video, wann Sie einen verbalen Impuls geben würden, um Stefans Denken auf die Spur zu kommen ("Kannst du mir erklären, was du gerade tust?").

Stefan

Betrachten Sie das zweite Video und vergleichen Sie das Interviewerverhalten mit Ihren eigenen Überlegungen.

2.2. Der Umgang mit Fehlern

Es gibt kein Patentrezept, wie und ob man die Kinder auf Fehler in ihren Rechnungen hinweisen oder dies eher unterlassen sollte. Die Interviewerin bzw. der Interviewer muss aber auf jeden Fall aushalten können, dass Kinder Fehler machen und dass man derartige Fehler nicht sofort und unmittelbar korrigiert. Folgende Handlungsalternativen sind denkbar:

  • Das Kind rechnet seinen eingeschlagenen Weg zunächst in Ruhe zu Ende. Vielleicht entdeckt es den Fehler ganz von allein.
  • Die Interviewerin/der Interviewer bittet das Kind, den Rechenweg bzw. die Notationen noch einmal laut zu erklären. Häufig fallen Kindern ihre Fehler im Zuge einer Erklärung plötzlich auf.
  • Der Interviewer erzeugt einen kognitiven Konflikt. Dieses Interviewerverhalten verlangt ein hohes Maß an Kreativität und Flexibilität. Das Kind macht bei einer Aufgabe einen Fehler und entdeckt diesen nicht von allein. Der Interviewer bzw. die Interviewerin versucht dann eine andere Aufgabe zu stellen, deren Lösung in einen kognitiven Konflikt mit der vorherigen Lösung tritt.

Eigenaktivität

Betrachten Sie hierzu das Video von Önder. Hier sehen Sie, dass Önder zunächst eine fehlerhafte Lösung präsentiert, im Zuge seiner Erklärungen aber von allein darauf kommt, dass er sich verrechnet hat.

Önder

Hierfinden Sie Beispiele, wie Sie in der vorgegebenen Situation einen kognitiven Konflikt erzeugen können.

3. Zusammenfassung

Einige Informationen zum Verhalten des Interviewers haben Sie bereits bei der Charakterisierung der Interviewmethode erhalten. Hier sind diese noch einmal kurz zusammengefasst.

Das Verhalten des Interviewers sollte durch folgende Aspekte gekennzeichnet sein:

Hohes Maß an Sensibilität

Der Interviewer bringt ein hohes Maß an Sensibilität für die Befindlichkeit und Persönlichkeit eines jeden Kindes mit (Agiert das Kind unsicher, weil es gefilmt wird? etc.) und ist immer darum bemüht, eine angenehme Gesprächsatmosphäre herzustellen ("Es ist gar nicht schlimm, wenn du etwas nicht weißt.").

Bewusste Zurückhaltung

Der Interviewer gibt grundsätzlich keine negativen Rückmeldungen ("Falsch!" oder "So geht das nicht."). Er sollte aber auch nur zurückhaltend positiv loben, da auch Lob das Kind verwirren könnte. In der Regel ist es sinnvoll, möglichst wenig zu reden.

 

Zeit zum Denken

Der Interviewer sollte den Kindern Zeit zum Denken geben. Nicht selten brauchen Kinder einige Minuten, um sich die Aufgabe zurechtzulegen. Ein zu frühes Nachfragen stört die Kinder in ihren Denkprozessen.

 

Keine Suggestivfragen

Fragen wie "Hast du dir das so und so gedacht?" oder "Wolltest du das und das als nächstes berechnen?" verwirren Kinder und legen ihnen Antworten in den Mund.

 

Keine negativ penetranten Nachfragen

Es sollte nicht jede Äußerung hinterfragt werden. Wenn aus den Erklärungen des Kindes klar wird, was es sich überlegt hat, stiftet eine penetrante Nachfrage nur Unsicherheit. Das Kind könnte sich sonst beispielsweise fragen: "War das vielleicht falsch, was ich gesagt habe?"

 

Das Unbewusste bewusst machen

Versuchen Sie durch gut gewählte Impulsfragen möglichst viel über die jeweiligen Kompetenzen des Kindes zu erfahren. Fordern Sie das Kind auf, möglichst umfassend seinen Lösungsweg zu beschreiben und seine Vorgehensweisen zu begründen.

 

Eigenaktivität

Betrachten Sie erneut das Video. Elena kommt zwar letztlich zum richtigen Ergebnis, allerdings hat sie den Weg dorthin nur in Ansätzen selbst gehen dürfen.

Welche Alternativen gibt es zum Vorgehen des Interviewers im Falle Elena?

Elena und Lukas

4. Literatur