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Diagnostische Gespräche

Sowohl im Mathematikunterricht als auch in der (mathematikdidaktischen) Forschung ist es notwendig, Einblicke in die Handlungen, die schriftlichen Dokumente sowie die verbalen Äußerungen der Kinder zu erhalten, um insbesondere die dahinterliegenden Denkprozesse verstehen zu können. Diese Quellen geben jedoch nicht immer genügend Aufschluss über die Vorgehensweisen und Denkwege der Kinder.

Auf dieser und den nachfolgenden Seiten erhalten Sie einen konkreten Einblick in die Methode des diagnostischen Interviews. Der Fokus der nachfolgenden Ausführungen liegt insbesondere auf dem Verhalten und der Einstellung des Interviewers. Dazu geben wir Ihnen einen konkreten Einblick in eine Interviewsituation, die wir beispielhaft analysieren.

1. Verstehen, wie Kinder denken - Aber wie?

Es gibt viele verschiedene Anlässe, diagnostische Gespräche mit Kindern zu führen. Im Unterricht können sie hilfreich sein, um z.B. Lernstände zu erheben, oder um Schwierigkeiten und Vorstellungen von Kindern nachvollziehen zu können.

Typische Anlässe, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen, sind beispielsweise:

  • Hausaufgaben oder schriftliche Dokumente der Lernenden, die nicht gedeutet werden können 
  • Lernstanderhebungen oder Standortbestimmungen, um die Kompetenzen des Kindes bzgl. eines Themas zu ermitteln (z.B. Hat das Kind verstanden, welche Grundvorstellungen hinter der Multiplikation stecken, oder hat es die Aufgabe und Ergebnisse nur auswendig gelernt?),
  • um herauszufinden, welche Strategien zur Lösung einer bestimmten Aufgabe genutzt werden

Wie die auf der Seite "Kinder besser verstehen" angeführten Beispiele zeigen, ist das Verstehen der Vorgehensweisen und Denkwege von Kindern nicht immer einfach. Daher ist es notwendig, geeignete Methoden zu kennen, die dabei helfen, Denkprozesse der Kinder nachzuvollziehen und hinterfragen zu können.

Im Folgenden stellen wir Ihnen die Methode sogenannter "klinischer Interviews" vor.

 

2. Erfolgreiches Interviewerverhalten

Der Grundgedanke klinischer Interviews besteht darin, Kinder mit einer Situation oder einem Problem zu konfrontieren und durch "behutsames Nachfragen" zu versuchen, dieses zur Offenlegung seiner Gedanken zu animieren. Von besonderer Bedutung ist bei dieser Methode das Verhalten des Interviewers, wie im folgenden Beispiel verdeutlicht werden soll.

An dieser Stelle finden Sie je einen Interviewausschnitt aus zwei diagnostischen Gesprächen. Beiden Kindern wurde die Aufgabe gestellt, möglichst geschickt die Summe aller Zahlen in einem Quadrat zu bestimmen.

Überlegen Sie zunächst einmal selbst, wie Sie die Summe geschickt bestimmen würden.

Betrachten Sie beide Videos:

  • In welchem Video erfährt man mehr über die Vorgehensweisen und Denkwege des Kindes? Was sind mögliche Gründe dafür?
  • Vergleichen Sie dazu das Verhalten der Interviewerin in den beiden Videos.
Kerstin
Önder

 

Das Interviewerverhalten unterscheidet sich in beiden Videos deutlich voneinander.

Im Interview mit Önder wird wesentlich mehr über das Denken des Kindes offen. Durch die Zurückhaltung der Interviewerin hat Önder die Möglichkeit, die gegebene Aufgabe eigenständig zu lösen und seine Gedanken zu äußern.

Über Kerstins Lösungsstrategien erfahren wir jedoch sehr wenig. Woran könnte das liegen?

Betrachten wir gezielt drei verschiedene Stellen im Interview, um zu analysieren, welche Verhaltensweisen der Interviewerin einen tieferen Einblick in die Denkweisen des Kindes verhindern:

1. Die Interviewerin lässt Kerstin nicht ausreden:

I.: Mhm, geht das denn nicht auch einfacher? Ich mein, jetzt hast du ja ganz viel so...
K.: Ja, also in einer Reihe geht das auch (zeigt auf die erste Reihe) als erstes mal...
I.: (unterbricht Kerstin) Kann man denn nicht aber mit nem Trick irgendwie zusammenrechnen? Fällt dir denn da vielleicht mal was auf bei den Zahlen?

Die Interviewerin unterbricht Kerstin. Daher erfährt man leider nicht, was sie mit  "in einer Reihe" meint. Möglicherweise hat sie bereits entdeckt, dass die Summe einer Reihe immer 40 ist, wird aber von der Interviewerin unterbrochen. Die Frage der Interviewerin nach "einem Trick" suggeriert, dass ein anderer Lösungsweg erwünscht ist. Eventuell verwirft Kerstin sogar ihren Lösungsansatz, über die Summe der Reihe zu gehen.

2. Die Interviewerin lässt Kerstin nicht einmal denken:

K.: 100, 100 insgesamt, oder?
I.: 100? Also guck mal (zeigt auf die erste Spalte) 10 plus 10 ist ja 20...
K.: 20, 40 (zeigt auf die erste und die letzte Spalte)
I.: (zeigt auch auf die letzte Spalte und wiederholt) 40
K.: Und dann alle zusammen sind...
I.: Ja, guck mal, das sind ja 30 (zeigt auf 19 und 18) und 30 (zeigt auf 11 und 12)
K.: Ach ja...
I.: 30 und 30 sind?
K.: (leise) 120...
I.: Hm, wie viel ist denn 30 plus 30 hier? (zeigt auf 19,18,11 und 12)
K.: Ich rechne grad mal was aus...
I.: Ja, aber 30 plus 30 ist ja?

Kerstin hat ein Ergebnis berechnet, dessen sie sich scheinbar nicht sicher ist. Die Interviewerin gibt ihr jedoch keine Möglichkeit das Ergebnis selbstständig zu überprüfen, sondern beginnt selbst mit der Berechnung ("10 plus 10 ist ja 20...") und schreibt ihr im Folgenden die Vorgehensweise vor.

Selbst der offensichtliche Versuch von Kerstin, sich ein wenig Bedenkzeit zu verschaffen ("Ich rechne grad mal was aus..."), wird von der Interviewerin ignoriert, sie verfolgt weiterhin ihren eingeschlagenen Rechenweg ("Ja, aber 30 plus 30 ist ja?").

3. Die Interviewerin lässt sich nicht auf Kerstins Denkweisen ein, sondern versucht vielmehr ihr die eigenen Strategien zu vermitteln:

Betrachten wir dazu noch einmal eine Äußerung im obigen Gesprächsausschnitt:

I.: Hm, wie viel ist denn 30 plus 30 hier? (zeigt auf 19,18,11 und 12.)

Das Verhalten der Interviewerin legt die Vermutung nahe, dass diese einen fest vorgeschriebenen Lösungsweg vor Augen hat, den sie Kerstin "herauskitzeln" möchte. Zudem zeigt sie dabei noch auf die falschen Zahlen, denn 19+18 und 11+12 ergibt nicht 30.

 

3. Die klinische Methode

Der Begriff "klinische Methode" kommt ursprünglich aus der Psychologie und wird in der Mathematikdidaktik genutzt, um Denkweisen von Kindern themenbezogen zu erheben (vgl. Selter & Spiegel, 1997).

Ziel dabei ist es, bestimmte Vorgehensweisen oder typische (Fehl-)Vorstellungen der Kinder bei einer bestimmten mathematischen Aktivität zu beobachten und zu hinterfragen, um diese genau zu verstehen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich der Psychologe Piaget erstmals mit der Erforschung des Denkens von Kindern und Jugendlichen auseinander. Die zu seiner Zeit genutzte (sehr offene) Methode der Beobachtung und die zielgerichteten, standardisierten Tests, erschienen ihm ungeeignet, um Erkenntnisse über das Denken von Kindern zu erlangen und er entwickelte die sogenannte "klinische Methode".

Die sogenannte revidierte Methode lässt neben rein sprachlichen Äußerungen ebenso Handlungen am Material zu, sodass neben der Analyse der sprachlichen Äußerungen der Kinder auch deren Handlungen betrachtet werden konnten.

Insbesondere für jüngere Kinder scheint die revidierte Methode geeignet, da diese häufig ihre Gedanken nicht immer adäquat verbalisieren können. Aber auch für ältere Kinder oder Jugendliche haben sich sogenannte Forschermittel als hilfreich herausgestellt, um die Artikulation der Denkwege zu unterstützen.

In der fachdidaktischen Forschung werden diagnostische Gespräche speziell dafür genutzt, neue Erkenntnisse über Denk- und Lernwege von Kindern zu erlangen. Die klinische Methode ist aber nicht nur eine qualitative Forschungsmethode, sondern kann auch von Lehrkräften eingesetzt werden, um die (Fehl-)Vorstellungen der Kinder nachzuvollziehen und folglich die Grundlage für individuelle Fördermaßnahmen zu schaffen.

Aus diesem Grund kann die Methode ebenso dazu beitragen, das Unterrichten zu erlernen (vgl. Wittmann, 1982).

 

4. Herausforderungen

Das wichtigste Merkmal sogenannter klinischer - oder allgemeiner auch diagnostischer - Interviews, ist ein behutsames Nachfragen, um das Kind zur Offenlegung der eigenen Gedanken zu bewegen. Denn vornehmlich geht es darum, dass die Vorgehensweisen, Strategien oder (Fehl-)Vorstellungen sichtbar werden (vgl. Selter & Spiegel, 1997) und weniger darum, dass das Kind die Aufgabe richtig löst.

Bei fehlerhaften Lösungen kann es helfen, einen sogenannten kognitiven Konflikt im Denken des Kindes auszulösen. Zwar verfolgt man mit einem klinischen Interview nicht die Aufgabe, den Kindern etwas beizubringen, dennoch ist es sinnvoll sich danach zu erkundigen, wie das (fehlerhafte) Ergebnis zustande gekommen ist (z.B. "Woher weißt du das?").

So können mögliche Fehlvorstellungen von Flüchtigkeitsfehlern abgegrenzt werden. Bei letzterem erkennt das Kind häufig den Fehler selbstständig und kann diesen korrigieren. Wichtig bleibt an dieser Stelle zu erwähnen, dass ebenso bei richtigen Lösungen nach den Rechenwegen gefragt wird, um zu vermeiden, dass das Kind zu stark von Ihren Reaktionen gesteuert wird.

Interviews können mit einem oder mehreren Kindern geführt werden. Je nach Interessenfokus ist die eine oder die andere Variante aufschlussreicher. Diagnostische Gespräche zu führen, erfordert von Seiten des Interviewers ein gewisses Maß an Flexibilität, denn diese werden oftmals durch die Unvorhersehbarkeit der Denkwege der Kinder bestimmt.

Daher ist es während des Interviews erforderlich, Hypothesen über die Gedanken der Kinder zu bilden um angemessene Anschlussfragen stellen zu können, die sich direkt auf die Handlungen bzw. verbalen Äußerungen des Kindes beziehen.

Neben dem hohen Maß an Einfühlungsvermögen und der Flexibilität gibt es weitere Herausforderungen, wie

  • der Umgang mit Schweigen,
  • das Aushalten von Irrwegen und Umwegen,
  • der Umgang mit Fehllösungen und
  • das spontane Formulieren von Impulsfragen.

Kommen wir noch einmal auf unser Eingangsbeispiel zurück. Sehen Sie sich dazu ggf. erneut die beiden Videos an.

Wie hätte sich die Interviewerin im Interview mit Kerstin besser verhalten können?

Betrachten Sie dazu das Video mit Önder und analysieren Sie dieses im Hinblick auf gelungenes Interviewerverhalten. Überlegen Sie auf dieser Grundlage alternative Reaktionen der Interviewerin im Interview mit Kerstin.

 

5. Fazit

Erfolgreiches Interviewerverhalten fängt bei der guten Vorbereitung an.
Dazu zählen:

  • der Erwerb von Wissen zu mathematikdidaktischen Hintergründen zum Thema und zu den einzelnen Aufgaben,
  • die Aneignung von Wissen über verschiedene Vorgehensweisen und mögliche Schwierigkeiten der Kinder sowie
  • die Formulierung möglicher Impulse und Fragestellungen, um mehr über die Denkweisen der Kinder zu erfahren.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Vorbereitung, die Durchführung und die Analyse des Interviews gleichermaßen von besonderer Bedeutung sind. Es gibt jedoch in allen Phasen typische Stolpersteine und Probleme, daher finden Sie auf den folgenden Seiten Tipps, Beispiele und Übungen.

  • Ein Interviewleitfaden, in dem diese Informationen gesammelt werden, kann dazu sehr hilfreich sein und während des Interviews als Spickzettel genutzt werden. Wie dieser erstellt werden kann und was dabei beachtet werden muss, erfahren sie unter Vorbereitung.
  • Ein gut geführtes Interview ist sicherlich die notwendige Grundlage einer guten Diagnose kindlicher Denkweisen, aber auch nicht mehr! Um das Denken der Kinder zu verstehen, ist abschließend eine kompetenzorientierte Auswertung notwendig. Aber was bedeutet "kompetenzorientiert auswerten"?
    Wie eine kompetenzorientierte Analyse der Vorgehensweisen gelingen kann, erklären wir unter Auswertung.

Hier geht es weiter zu "Interviews vorbereiten".

 

Lehrkräfte sind im Unterricht durchgehend diagnostisch und fördernd tätig. Welches Handwerkszeug dem Unterrichtenden hilft, das Potential dieser alltäglichen Momente für Diagnose und Förderung auszuschöpfen, wird hier dargelegt.

 

7. Literatur