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Diagnostische Gespräche

Sowohl im Mathematikunterricht als auch in der (mathematikdidaktischen) Forschung ist es notwendig die Handlungen, die schriftlichen Dokumente, die verbalen Äußerungen und damit insbesondere die dahinterliegenden Denkprozesse der Kinder auch zu verstehen. Diese Dokumente geben jedoch nicht immer genügend Aufschluss über die Vorgehensweisen und Denkwege der Kinder. Das klinische Interview stellt eine geeignete Methode dar, um genaueres über das Denken der Kinder zu erfahren. Auf dieser Seite erhalten Sie wichtige Informationen über das klinische Interview sowie Tipps und Materialien zur Interviewvorbereitung, Durchführung und anschließenden Analyse.

1. Lernen, wie Kinder denken - Aber wie?

Wie die auf der Seite "Kinder besser verstehen" angeführten Beispiele zeigen, ist das Verstehen der Vorgehensweisen und Denkwege von Kindern nicht immer einfach. Daher ist es notwendig, Methoden zu beherrschen, die geeignet sind Denkprozesse zu hinterfragen und zu verstehen. Es liegt für Sie wahrscheinlich auf der Hand, dass man Kinder nach ihren Vorgehensweisen befragt, sollten diese sich nicht direkt aus der Handlung, dem Dokument oder der Äußerung entnehmen lassen. Doch eine solche Befragung führt nicht immer zu den erwünschten Ergebnissen.

An dieser Stelle finden Sie zwei Interviewausschnitte. Aufgabe der Kinder war es, möglichst geschickt die Summe aller Zahlen in einem Quadrat zu bestimmen (die konkrete Aufgabe wird im Video vorgestellt).
  • Betrachten Sie beide Videos: In welchem Video erfährt man mehr über die Vorgehensweisen und Denkwege des Kindes?
  • Was sind die Gründe? Vergleichen Sie dazu das Verhalten der Interviewerin in den beiden Videos.
Kerstin
Önder

Es wird schnell klar, dass man in dem Interview mit Önder mehr über das Denken des Kindes erfährt. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass Önder durch die Zurückhaltung der Interviewerin die Möglichkeit hat die gegebene Aufgabe eigenständig zu lösen und somit auch Lernfortschritte zu erzielen. Im diesem Video hält sich die Interviewerin an die sogenannte klinische Interviewmethode.

2. Hintergrundwissen: Die klinische Methode

Die klinische Methode ist nicht nur eine qualitative Forschungsmethode, sondern kann auch von Lehrern eingesetzt werden, um die (Fehl-)Vorstellungen der Kinder nachzuvollziehen und folglich die Grundlage für individuelle Fördermaßnahmen zu schaffen. Ziel des klinischen Interviews ist es i.A. das Vorgehen des Kindes bei einer bestimmten mathematischen Tätigkeit zu beobachten und geschickt zu hinterfragen, um so sein Vorgehen im Speziellen zu verstehen, aber auch um allgemein Erkenntnisse über das kindliche Denken zu gewinnen. Wie das obige Beispiel zeigt, räumt die Methode den Kindern genügend Zeit zum Denken ein und zielt nicht darauf ab, Lösungen fragend-entwickelnd zu erarbeiten. Wittmann (1982) macht daher darauf aufmerksam, dass diese Methode auch dazu beitragen kann, das Unterrichten zu lernen.
Der Begriff "klinische Methode" kommt ursprünglich aus der Psychoanalyse bzw. Psychotherapie. Durch behutsames Nachfragen bemüht sich der Psychotherapeut darum, seine Patienten zur Offenlegung der eigenen Gedanken zu bewegen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich der Psychologe Piaget erstmals sich mit der Erforschung des Denkens von Kindern und Jugendlichen auseinander. Die zu seiner Zeit genutzte sehr offene Methode der Beobachtung und die zielgerichteten, standardisierten Tests erschienen ihm ungeeignet, um Erkenntnisse über das Denken von Kindern zu erlangen, daher nutzte er erstmals die klinische Methode. Während seiner Arbeit zeigte sich, dass viele Kinder große Schwierigkeiten mit der Verbalisierung ihrer Gedankengänge hatten, daher erweiterte er die Methode. So weit möglich regte er die Kinder an, Handlungen am Material durchzuführen, so dass neben der Analyse der sprachlichen Äußerungen der Kinder auch deren Handlungen betrachtet werden konnten.

Wollen Sie noch mehr über die Methode des klinischen Interviews erfahren? Dann empfehlen wir Ihnen folgende Literatur:

Selter, Ch. & Spiegel, H. (1997). Wie Kinder rechnen. Leipzig, Stuttgart, Düsseldorf: Klett. S. 100 - 109.

3. Analyse des Interviewerverhaltens

 

Betrachten Sie erneut das Interview mit Kerstin. Es ist recht offensichtlich, dass dieses Interview nicht im Sinne der klinischen Methode geführt wurde. Folgende Verhaltensweisen der Interviewerin verhindern einen tieferen Einblick in die Denkweisen des Kindes:

1. Die Interviewerin lässt Kerstin nicht ausreden:

I.: Mhm, geht das denn nicht auch einfacher? Ich mein, jetzt hast du ja ganz viel so...
K.: Ja, also in einer Reihe geht das auch (zeigt auf die erste Reihe) als erstes mal...
I.: (unterbricht Kerstin) Kann man denn nicht aber mit nem Trick irgendwie zusammenrechnen? Fällt dir denn da vielleicht mal was auf bei den Zahlen?

Leider erfährt man nicht, was Kerstin mit  "in einer Reihe" eigentlich meint. Vielleicht hat sie bereits entdeckt, dass die Summe einer Reihe immer 40 ist, wird aber von der Interviewerin unterbrochen. Man könnte sogar noch weiter mutmaßen, dass Kerstin ihren Lösungsansatz über die Summe der Reihe zu gehen wieder verwirft, weil die Nachfrage der Interviewerin suggeriert, dass ein anderer Lösungsweg erwünscht ist.

Wie hätte sich die Interviewerin besser verhalten?

Es wäre angebracht gewesen, Kerstin ausreden zu lassen und ggf. nachzufragen, um ihre Gedanken nachvollziehen zu können.

2. Die Interviewerin lässt Kerstin nicht einmal denken:

K.: 100, 100 insgesamt, oder?
I.: 100? Also guck mal (zeigt auf die erste Spalte) 10 plus 10 ist ja 20...
K.: 20, 40 (zeigt auf die erste und die letzte Spalte)
I.: (zeigt auch auf die letzte Spalte und wiederholt) 40
K.: Und dann alle zusammen sind...
I.: Ja, guck mal, das sind ja 30 (zeigt auf 19 und 18) und 30 (zeigt auf 11 und 12)
K.: Ach ja...
I.: 30 und 30 sind?
K.: (leise) 120...
I.: Hm, wie viel ist denn 30 plus 30 hier? (zeigt auf 19,18,11 und 12)
K.: Ich rechne grad mal was aus...
I.: Ja, aber 30 plus 30 ist ja?

Kerstin stellt ihre Antwort "100" selbst in Frage. Man kann daher vermuten, dass sie das Ergebnis mit ein wenig Bedenkzeit sicherlich selbstständig überprüft hätte. Diese Chance zum Nachdenken gibt die Interviewerin ihr jedoch nicht. Stattdessen schreibt sie ihr die Vorgehensweise vor ("10 plus 10 ist ja 20..."). Selbst der offensichtliche Versuch von Kerstin sich ein wenig Bedenkzeit zu verschaffen ("Ich rechne grad mal was aus..."), wird von der Interviewerin ignoriert ("Ja, aber 30 plus 30 ist ja?").

3. Die Interviewerin lässt sich nicht auf Kerstins Denkweisen ein, sondern versucht vielmehr ihr die eigenen (teilweise sogar fehlerhaften) Strategien zu vermitteln:

In dem obigen Gesprächsausschnitt sieht man dies insbesondere an der folgenden Stelle:

I.: Hm, wie viel ist denn 30 plus 30 hier? (Dabei zeigt die Interviewerin auf 19 und 18 sowie 11 und 12.)

Aufgrund des Verhaltens der Interviewerin kann man vermuten, dass diese einen fest vorgeschriebenen Lösungsweg vor Augen hat. Sie scheint  sich im Vorfeld des Interviews wenig Gedanken über weitere sinnvolle Möglichkeiten, die Summe der Zahlen im Quadrat zu bestimmen, gemacht zu haben. Zudem zeigt sie dabei noch auf die falschen Zahlen, denn 19+18 und 11+12 ergibt nicht 30.

 

4. Fazit

Was bedeutet "erfolgreiche Interviewtechnik" im Kontext des klinischen Interviews? Erfolgreich heißt nicht, dass das Kind die Aufgabe richtig löst, sondern dass man die Vorgehensweise (z.B. Fehlvorstellungen oder besonders kreative Strategien) des Kindes offen legt und versteht (vgl. Selter & Spiegel, 1997).

Ein Interview mit einem Kind oder auch mehreren Kindern gemäß dieser Methode wird durch die Unvorhersehbarkeit der Denkwege der Kinder bestimmt. Diese fordert den Interviewer manchmal zum spontanen Handeln auf. Während des Interviews ist es daher erforderlich Hypothesen über die Gedanken der Kinder zu bilden, um angemessene Fragen stellen zu können, die sich auf die Handlungen bzw. verbalen Äußerungen des Kindes beziehen. Erfolgreiches Intervierverhalten fängt daher bereits bei der guten Vorbereitung an.

Dazu zählt:

  • der Erwerb von Wissen zu mathematikdidaktischen Hintergründen zum Thema und zu den einzelnen Aufgaben,
  • die Aneignung von Wissen über verschiedene Vorgehensweisen und mögliche Schwierigkeiten der Kinder,
  • die Formulierung möglicher Impulse und Fragestellungen, um mehr über die Denkweisen der Kinder zu erfahren.

Ein Interviewleitfaden, in dem diese Informationen gesammelt werden, kann dazu sehr hilfreich sein und während des Interviews als Spickzettel genutzt werden.

Bei der Durchführung sollte der Interviewer versuchen sich auf die Vorgehensweisen des Kindes einzulassen, dies gelingt besonders gut, wenn die Regeln des klinischen Interviews eingehalten werden. Dies ist als ungeübter Interviewer nicht immer einfach. Insbesondere der Umgang mit Schweigen, das Aushalten von Irrwegen und Umwegen, der Umgang mit Fehllösungen und das spontane Formulieren von Impulsfragen werden in den ersten Interviewversuchen oft als große Herausforderung wahrgenommen.

Ein gut geführtes Interview ist sicherlich die notwendige Grundlage einer guten Diagnose kindlicher Denkweisen, aber auch nicht mehr! Um das Denken der Kinder zu verstehen ist abschließend eine kompetenzorientierte Auswertung notwendig. Aber was bedeutet "kompetenzorientiert auswerten"? Wie kann man die Vorgehensweisen kompetenzorientiert analysieren?

Abschließend ist festzuhalten, dass die Vorbereitung, die Durchführung und die Analyse des Interviews gleichermaßen von besonderer Bedeutung sind. Es gibt jedoch in allen Phasen typische Stolpersteine und Probleme, daher finden Sie auf den folgenden Seiten Tipps, Beispiele und Übungen.

Interviews vorbereiten Interviews durchführen Interviews auswerten

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Im Gegensatz zu vielen geplanten Tätigkeiten sind Lehrkräfte im Unterricht durchgehend diagnostisch und fördernd tätig. Welches Handwerkszeug dem Unterrichtenden hilft, das Potential dieser alltäglichen Momente für Diagnose und Förderung auszuschöpfen, wird hier dargelegt.

6. Literatur