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Auswertung von Interviews

Wenn Sie Ihre Interviews bereits durchgeführt haben, dann haben Sie schon einen wichtigen Schritt für Ihr "Mini-Forschungsprojekt" getan. Auf dieser Seite geben wir Ihnen nun einige Tipps, wie Sie Ihre Interviews angemessen analysieren und so zu einem ansprechenden Bericht gelangen können.

1. Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

2. Tipps zur Analyse

Zunächst einmal sei gesagt, dass es kein Patentrezept zur Erstellung einer guten Analyse gibt. Dennoch wollen wir Ihnen im Folgenden ein paar Tipps geben, die Ihnen helfen sollen, eine ansprechende Analyse zu verfassen.

Ziel aller Interviews ist es, etwas über die Denkwege der Kinder beim Lösen bestimmter Aufgaben herauszufinden. Wenn Sie gut auf das Interview vorbereitet waren, dann haben Sie sich schon vor dem Interview eine oder mehrere zu beantwortende Fragen (Forschungsfragen) gesucht. Die Analyse ist nun, vereinfacht gesagt, die Beantwortung Ihrer Fragen. D.h., dass ein bloßes Beschreiben des Vorgehens der Kinder nicht ausreicht. Dies wäre eine reine Nacherzählung.

Vielmehr geht es darum, auf kompetenzorientierte Weise das Vorgehen der Kinder einzuordnen und zu hinterfragen und begründete Vermutungen aufzustellen, wie Fehler entstanden sein könnten. Dabei können Sie sich dann ggf. auf die Literatur berufen oder auch auf die Aufgabenstellung. Am Ende einer einzelnen Analyse sollten Sie in jedem Fall nochmal zusammenfassend auf Ihre Forschungsfragen eingehen und kurz darstellen, welche Erkenntnisse Sie aus den Interviews gewonnen haben.

Einige Punkte, die eine gute Analyse ausmachen, wollen wir im Folgenden näher erläutern. Beachten Sie dabei, dass sich die folgenden Tipps schwerpunktmäßig auf zwei- bis dreiseitige Analysen (im Rahmen des Seminars "Mathematische Lehr- und Lernprozesse" an der TU Dortmund) beziehen. Bei umfangreicheren Arbeiten sind ggf. weitere Punkte zu beachten und auch die Prioritäten können sich verschieben.

 

2.1. Analyse statt Nacherzählung

Im Folgenden finden Sie Auszüge aus Analysen bzgl. des Vorwissens von Zweitklässlern zur Multiplikation und Division. Zunächst finden sie zwei Beispiele einer Detailanalyse (a), dann folgen Beispiele für eine Zusammenfassung (b). Jeweils eine Analyse ist gelungen, die andere weniger gelungen.

1. In welchem jeweiligen Ausschnitt erfahren Sie mehr über die informellen Vorgehensweisen der Kinder?
2. Welche Aspekte finden Sie jeweils besonders gut/schlecht?

(a) Beispiele für eine Detailanalyse

"[...]Laura schreibt zuerst die Aufgabe 18 : 6 auf. Aber auch auf mein Nachfragen hin, kann sie dazu keine Lösung nennen. Dann hat sie aber eine kluge Idee und malt daraufhin drei Reihen mit jeweils 6 Eiern. Dabei zählt sie immer wieder alles ab, um zu überprüfen, ob sie auch 18 Eier aufgemalt hat. Als sie schließlich fertig war mit Aufmalen, notiert sie unter ihrer Zeichnung die Aufgabe 6 · 3 und schrieb in das Lösungsfeld ebenfalls die 3. Aufgrund der Sicherheit, die sie bislang bei der Bearbeitung der Aufgaben durchgehend gezeigt hatte, scheute ich mich nicht, noch einmal nachzufragen: „Ich verstehe das irgendwie nicht so gut. Kannst Du mir erklären, was du da genau gemacht hast?" Sie zeigt sich sehr geduldig mit mir und erläutert: „Also, wir haben ja gesagt, es sind 18 Eier und in jeden Karton passen immer 6. Dann hab ich immer in eine Reihe 6 Eier gemalt, das ist dann immer wie ein Karton, bis es 18 Eier waren. Und das waren drei Reihen. Also 6 · 3, da hab ich das hingeschrieben.[...]"

"[...]Laura erkennt in der Aufgabe direkt die Rechnung 18:6. Noch scheint sie die formelle Lösung dieser Aufgabe aber nicht zu kennen - in jedem Fall greift sie auf eine ikonische Lösung zurück,

die für eine Aufteilaufgabe wie diese nahe liegt (vgl. Radatz et al 1998, S. 98). So ist das in der Abbildung zu sehende Rechteck entstanden, indem Laura solange 6er-Reihen aus Eiern malt, bis sie auf 18 kommt. Die Gesamtanzahl überprüft sie dabei zählend. Interessant ist, dass Laura schließlich in Ihrer Zeichnung die Aufgabe 6 ·3 erkennt und Ihre richtige Lösung für die ursprünglich genannte Divisionsaufgabe über die Umkehraufgabe begründet. Somit deuten sich bei Laura bereits verschiedene Grundvorstellungen der Division an, auf die sie flexibel zurückgreift, um so auch für sie noch unbekannte Divisionsaufgaben geschickt lösen zu können.[...]"

 

(b) Beispiele für eine Zusammenfassung

"[...] Zur Lösung der sechs Multiplikationsaufgaben griff Lara auf zwei Hauptstrategien zurück: dem vollständigen Abzählen und der Zuhilfenahme von Verdopplungsaufgaben.
Das vollständige Abzählen, laut Padberg (2004) eine häufig zu beobachtende Vorgehensweise von Kindern bei der informellen Lösung von Multiplikationsaufgaben, wählte sie vor allem dort als Strategie, wo die Anzahl der Einzelteile (kleine Fenster, Puzzelteile) größer wurde. [...]"
"[...]Lara war sehr fröhlich und gehört zu den leistungsstarken Kindern. Insgesamt zeigte sie großes Interesse an den Aufgaben und löste diese gerne. Dabei hat mich besonders überrascht, wie viel sie schon wusste, obwohl die Multiplikation und Division noch gar nicht in der Klasse besprochen wurden. Alles in allem habe ich viel durch das Interview gelernt.[...]"
Unsere Tipps
1. Zur Beantwortung der Forschungsfrage und somit für die Analyse kommt es darauf an, dass Sie das Vorgehen des Kindes auf den Punkt bringen. D.h. geben Sie den Strategien einen Namen anstatt das Vorgehen des Kindes umständlich im Detail zu beschreiben. Dabei ist es hilfreich die in der Literatur genannten Strategien aufzugreifen, schließlich verlangt niemand von Ihnen das Rad neu zu erfinden.

2. Versuchen Sie die Vorgehensweisen des Kindes zu systematisieren und zu strukturieren. D.h. arbeiten Sie nicht Aufgabe für Aufgabe chronologisch ab, sondern versuchen Sie z.B. Hauptstrategien herauszuarbeiten, die Sie mit einzelnen Beispielen und Schülerdokumenten belegen. Es ist nicht notwendig das Vorgehen des Kindes bei jeder einzelnen Aufgabe darzustellen.

3. Vermeiden Sie Ihre Analyse nur auf die Nacherzählung von Handlungen und Aussagen des Kindes zu beschränken.

4. Überlegen Sie immer kritisch, welche Inhalte des Interviews in Hinblick auf ihre Forschungsfrage relevant sind und welche nicht.

5. Versuchen Sie stets Transkripte und Kinderdokumente als Nachweise einzufügen. Damit lösen Sie sich vom zeitlichen Ablauf, und Ihr Bericht wirkt wesentlich wissenschaftlicher. In dem Text von Steinweg (2001) sehen Sie exemplarisch, wie Transkripte und Kinderdokumente in Analysen einbezogen werden können. Schauen Sie auch auf einigen KIRA-Seiten nach, wie dort Transkripte im Fließtext eingebunden werden.

6. Erzählen Sie möglichst nicht in der Ich-Form, denn Ihre Analysen bzgl. der Kompetenzen des Kindes sollten unabhängig vom Interviewer sein.

Inwiefern werden die Punkte 3 und 4 im folgenden Auszug aus einem Bericht beachtet?

Forschungsfragen: Lösungsstrategie

  • Inwieweit lassen sich die in der Literatur benannten Strategien beobachten? Inwieweit gibt es Mischformen oder Abweichungen?
  • Wann benutzt das Kind welche Strategie? Wie können mögliche Strategiewechsel erklärt werden?
  • Inwiefern erfolgt die Lösung enaktiv, ikonisch oder symbolisch? Wie kann das durch Aufgabenmerkmale (Zahlenwerte, Kontexteinbettung o.ä.) erklärt werden?

"[...] Bei der ersten Aufgabe versuchte ich ein wenig zu helfen und erläuterte die Aufgabenstellung genauer. Ich war mir dabei nicht ganz sicher, ob Jason mir tatsächlich zuhörte. Meine Frage, ob er verstanden habe, was er hier machen müsse, bejahte er. Dann hatte ich das Gefühl, er würde nachdenken, als er jedoch nach einer Weile bunte Stifte aus seiner Federmappe holte und begann, das Bildchen zu der Aufgabe bunt auszumalen. Daher dachte ich, er habe doch nicht überlegt und fragte ihn, warum er denn jetzt malen würde, wo wir doch gerade noch die Aufgabenstellung besprochen hätten. Er sagte, er habe kurz nachgedacht und dann aber nicht gewusst, wie er die Aufgabe lösen sollte. Dann sei ihm langweilig geworden, weshalb er zu malen begonnen habe. [...]"

2.2. Kompetenzorientierung statt Defizitorientierung

1. Kompetenzorientierung heißt nicht, dass man alles schön reden muss, aber dass man die Leistungen der Kinder in Hinblick auf ihr individuelles Vorwissen und Können zu würdigen weiß.

2. Kompetenzorientierung heißt auch beispielsweise Fehler nicht einfach nur zu benennen, sondern diese auch zu interpretieren und die richtigen Ideen der Kinder dahinter zu verstehen.

Kompetenzorientierte Analyse Defizitorientierte Analyse
"[...] Obwohl ihr die Zahlengitter nicht unbekannt waren, gab es hier schon die ersten Schwierigkeiten, die auch im Laufe des Interviews immer wieder auftraten. Annika addierte zum Beispiel öfter das Feld über der Zielzahl mit dem Feld neben der Zielzahl, um auf die 20 zu gelangen. [...] Von dieser, durchaus auch sinnvollen Interpretation der Zahlengitter (vielleicht hat sie hier die Idee der Rechenkette oder ähnlichen Aufgabenformaten mit einfließen lassen), gibt es leider keine Aufzeichnungen [...]" "[...] Nick wurde auch aufgefordert die Puzzleaufgaben zu rechnen und bei diesen fiel es ihm sehr schwer ein Ergebnis zu ermitteln. Er hat versucht sie zählend zu lösen, was ihm leider missling. Auf die Aufforderung es doch mal mit Mal zu versuchen reagierte er nicht. Nick hat versucht sich die fehlenden Teile einzuzeichnen, ist dabei aber keinem Schema gefolgt. Somit zeigt sich also, dass Nick noch nicht multiplizieren kann.[...]"

2.3. Das eigene Interviewerverhalten kritisch reflektieren

Wesentlich für die Analyse von Interviews ist es auch das eigene Interviewerverhalten kritisch zu reflektieren. Dazu gehört es zu überlegen, inwiefern

  • die Vorgehensweisen des Kindes durch das Interviewerverhalten gelenkt wurden
  • das Kind ggf. wenig Chancen hatte die eigenen Denkweisen zu verbalisieren
  • welche weiteren Fragestellungen sinnvoll gewesen wären
  • etc.

Eine solche detaillierte und selbstkritische Reflektion ist in der Regel besser möglich, wenn das Interview gefilmt wurde.

Hier sehen Sie den Ausschnitt aus einer Analyse eines Interviews zum Thema „Zahlengitter", bei der es der Verfasserin besonders gut gelungen ist, ihr Interviewerverhalten immer wieder in Zusammenhang zu den Vorgehensweisen des Kindes zu setzen:

"[...] Leider habe ich im Interview diesen Gedankengang von ihr unterbrochen. Es wäre bestimmt sehr interessant geworden, wie ihre Überlegungen zu den noch nicht behandelten Nachkommastellen ausgesehen hätten. Durch meine Unterbrechung wurde sie dann auch gleich ein bisschen unsicherer und hat zu meinem, vielleicht etwas voreiligem Einwand, nicht alle Aufgaben seien lösbar, nur noch genickt. [...]"

3. Eine Empfehlung zum Abschluss

Lesen Sie möglichst viele mathematikdidaktische Aufsätze, in denen die Vorgehensweisen von Schülerinnen und Schülern analysiert werden. So bekommen Sie nach und nach ein Gespür dafür, wie gute Analysen aussehen können. Hier haben wir schon mal eine kleine Auswahl an interessanten Texten für Sie getroffen. Aber auch auf unseren anderen Internetseiten sind sicher einige anregende Aufsätze für Sie dabei.

Schwätzer, U. & Selter, Ch. (1998). Summen von Reihenfolgezahlen - Vorgehensweisen von Viertklaesslern bei einer arithmetisch substantiellen Aufgabenstellung. In: Journal für Mathematikdidaktik. H. 2-3 (19), S. 123-148.

Spiegel, H. (1992). Was und wie Kinder zu Schulbeginn schon rechnen können - Ein Bericht über Interviews mit Schulanfängern. In: Grundschulunterricht. H. 11 (39). S. 21-22. Verfügbar unter: http://math-www.upb.de/~hartmut/Eigene_Texte/W&WKinderschonrechnen.pdf (Abruf am: 29.07.2011)

Steinweg, A. S. (2001). Mathematik lernen von Anfang an - Rechnen mit Verstand. In: Ch. Selter & G. Walther (Hrsg.) Mathematik lernen und gesunder Menschenverstand. Festschrift für Gerhard Norbert Müller. Klett: 184 - 192.

4. Allgemeine Hinweise zum Verfassen von Seminararbeiten

Auch wenn es "nur" ein Bericht ist, so gelten die gleichen Regeln wie für Hausarbeiten im Allgemeinen. D.h. der Bericht sollte klar gegliedert sein in:

  • Deckblatt
  • Inhaltsverzeichnis
  • Fließtext (dieser beinhaltet für das Seminar Mathematische Lehr-/Lernprozesse in der Regel den Interviewleitfaden mit allen wichtigen Aspekten und die Analyse der einzelnen Kinder samt eingescannter Schülerdokumente)
  • Literaturverzeichnis

Insbesondere gilt es auch, solch einen Bericht sprachlich ansprechend zu verfassen und Quellenangaben wissenschaftlich korrekt anzugeben, d.h. machen Sie alle Ideen (auch Aufgaben), die Sie der Literatur entnommen haben kenntlich.

Hier finden Sie ausführliche Hinweise zum Verfassen von (mathematikdidaktischen) Seminararbeiten (an der TU Dortmund).

5. Zitierte Literatur

Schwätzer, U. & Selter, Ch. (1998). Summen von Reihenfolgezahlen - Vorgehensweisen von Viertklaesslern bei einer arithmetisch substantiellen Aufgabenstellung. In: Journal für Mathematikdidaktik. H 2-3 (19), S. 123-148.

Spiegel, H. (1992). Was und wie Kinder zu Schulbeginn schon rechnen können - Ein Bericht über Interviews mit Schulanfängern. In: Grundschulunterricht. H. 11 (39). S. 21 - 22. Verfügbar unter: http://math-www.upb.de/~hartmut/Eigene_Texte/W&WKinderschonrechnen.pdf (Abruf am: 29.07.2011)

Steinweg, A. S. (2001). Mathematik lernen von Anfang an - Rechnen mit Verstand. In: Ch. Selter & G. Walther (Hrsg.) Mathematik lernen und gesunder Menschenverstand. Festschrift für Gerhard Norbert Müller. Klett: 184 - 192.

6. Literatur